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Stefan Eckert
Stefan Eckert
Home | Newsletter | UPDATE 2 | 2018 | Die Life Sciences brauchen einen neuen digitalen Boost
21. Juni 2018

Die Life Sciences brauchen einen neuen digitalen Boost – Wie Sie jetzt aktiv werden können!

Die Digitalisierungswelle geht durch alle Branchen und als Vorreiter gelten Medien, Banken, Versicherungen, Telekommunikation und Einzelhandel. In der verarbeitenden Industrie, dort insbesondere im Automotive, hält das Thema unter dem Begriff „Industry 4.0“ ebenso rasant Einzug. Was mit Musik-Streaming begonnen hat, hat sich fortgesetzt in neuen Zahlungsmethoden, neuen Dienstleistungen bis hin zu neuen Währungen – und ist Bestandteil unseres Alltags geworden. Doch wenn wir einen Blick auf die Life Sciences Branche werfen, stellen wir fest, dass hier die Uhren derzeit noch etwas zu langsam gehen.

 

Sichtbar wird dies beispielsweise dadurch, dass kleine Start-ups die Felder besetzen, die von den traditionellen Playern vernachlässigt werden. So entwickelt das in Baltimore ansässige Start-up Insilico Medicine mit Artificial Intelligence höchst innovativ neue Medikamente. Auch Technologieriesen wie Google und Amazon – quasi Wegbereiter der Digitalisierung – erkennen die enormen Chancen, ihre natürliche Stärke in die Life Sciences Branche einzubringen, und sorgen mit ihren Leistungen schon jetzt für Furore.

Wir müssen uns also fragen, warum die Branche in ihrer Breite noch hinter ihren Möglichkeiten zurücksteht und so Neuen oder bislang Branchenfremden das Spiel überlässt.

 

Digitaler Boost - Digitale Transformation für Life Sciences

 

Warum die Branche nicht in Schwung kommt

Nicht überall ist die Zeit stehen geblieben und globale Leader wie Roche und Novartis haben längst Initiativen gestartet. Diese drehen sich vorwiegend um personalisierte Medizin, Digital Patient Engagements, Wirksamkeitsnachweise, Effizienz und viele andere. Novartis hat sich ausserdem einen neuen Chief Digital Officer ins Boot geholt. Dieser kommt aus dem Einzelhandel und soll wohl für einen frischen Blickwinkel sowie neue Expertise sorgen. Ein gutes Beispiel, wohin für die Branche die Reise geht: hin zum Patienten – per Direktansprache und -kontakt.

Aber auch Unternehmen, die bereits aktiv geworden sind in der digitalen Transformation, stossen auf eine wesentliche Barriere: Die Datengrundlage (Gesundheitsdaten) sowie die entsprechenden Standards und Schnittstellen sind in der stark regulierten Industrie noch nicht ausreichend geschaffen. Hinzu kommt der Trend, dass die Healthcare (Gesundheitswesen und Versicherungen) und Life Sciences Branche sich immer stärker vernetzen. Die Komplexität und damit auch die Anforderungen an Integration und Datenschutz, sowie die regulatorischen Hürden nehmen dabei stark zu.

Durch das Bedürfnis der Endkunden, sich jederzeit und überall zu informieren, entsteht ausserdem neuer Bedarf an professionellem und zugleich individualisiertem medizinischem Content sowie der Erfassung und Verwaltung persönlicher Gesundheitsdaten. Längst konkret geht es beispielsweise in Estland zu. Dort sind digitale Patientenakten (sogar mit Blockchain) bereits Alltag, was in der Schweiz seit Jahren ein zähes Unterfangen ohne Ergebnis ist.

Die Regularien und die Komplexität allein sind es jedoch nicht – woran also liegt es noch, dass die Branche hinterherhinkt? Sicher auch am fehlenden Druck zur Transformation. Denn das Geschäftsumfeld ist nach wie vor auch ohne grosse Anstrengungen zur digitalen Transformation positiv. Beispielsweise gelten Medizinprodukte als einer der grössten Wachstumsmärkte. Und so kommt es, dass sich derzeit weit weniger als die Hälfte der Unternehmen von der Digitalisierung betroffen sieht.

Auch zwischen Forschung, Bildung, Politik und der Life Sciences Industrie ist das Engagement weiter ausbaufähig. In der Schweiz fördert der Bund beispielsweise Initiativen wie „Swiss Personalized Health Network“ (SPHN), um die Digitalisierung voranzutreiben. Diese sind jedoch auf das Gesundheitswesen fokussiert. Das ist nachvollziehbar, da dieser Bereich stark reguliert ist (woraus hohe Eintrittsbarrieren resultieren) und teilweise in öffentlicher Hand liegt. Es ist allerdings essenziell, auch die Industrie einzubinden, denn diese ist für die klinische Forschung und Entwicklung auf die Daten angewiesen.

Um es deutlich zu machen: Der Startschuss ist gefallen, aber nur wenige beteiligen sich bislang am Lauf. Wer auch erfolgreich ins Ziel kommen will, muss mitlaufen und Ausdauer haben – und sollte schon gar nicht auf andere oder die Politik warten.

Digitaler Boost – was konkret unternommen werden sollte

Um die Erfolgsbranche weiter auf Kurs zu halten, haben wir eigentlich alle Karten in der Hand: eine führende Position im Life Sciences Weltmarkt, Top-Universitäten und -Spitäler, den Status als eine der innovativsten Regionen der Welt, hervorragende Forschung und Entwicklung sowie ein global renommiertes Gesundheitswesen. Nutzen wir sie, denn zu gross ist die Bedeutung der Branche in der DACH-Region, als dass der Wandel zur Digitalen Life Sciences verpasst werden dürfte.

Es braucht ein funktionierendes Eco-System aus Life Sciences, Healthcare, Politik, Forschung und Lehre, die eng zusammenarbeiten. Dazu muss ein Portfolio an Digital Life Sciences Initiativen ausgearbeitet werden, welches über Innovationsprojekte angegangen wird. Ziel muss es sein, innovative Firmen, Start-ups und Konsortien zu fördern, eine Plattform zu schaffen, die Innovationsträger mit den richtigen Leuten in der Wirtschaft schnell zusammenbringt und die Einstiegshürden reduziert.

Ein einzelnes Unternehmen wird die digitale Transformation eines Landes in der Branche nicht vorantreiben können. Neben unseren traditionellen Unternehmen, brauchen wir in Zukunft dringend auch Firmen mit datengetriebenen Geschäftsmodellen. Wir sollten gerade diesen Bereich fördern und entwickeln, um unseren Standort erfolgreich in die Zukunft zu führen. Dazu gehört:

  • Schaffen einer Strategie „Digitale Transformation in Life Sciences“ mit Key-Playern
  • Identifikation der notwendigen Schlüsselkompetenzen für die digitale Transforma­tion
  • Evaluation der heutigen Situation (SWOT)
  • Definition und Finanzierung eines Marktplatzes / einer Plattform für Innovationsträger und Industrie
  • Definition und Anstoss von Leuchtturm-­Projekten für alle Kompetenzbereiche
  • Stärkung der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit und Mobilisierung aller Ressourcen
  • Förderung vom dualen Bildungssystem für die Erarbeitung von neuen Berufsgruppen, die der Markt in der Zukunft braucht
  • Vernetzung aller Interessensgruppen
  • Forderung und Schaffung eines regulatorischen Umfelds, das die Innovationen unterstützt – wie die Automobilindustrie beim Thema autonomes Fahren beweist, kann die Entwicklung die Gesetzgebung formen
  • Schaffung eines gesetzlichen Rahmens für den Austausch von anonymisierten medizinischen Daten (zur Sicherheit für alle Beteiligten und gegen Verunsicherung der Patienten)

 

Digitaler Boost - Digitale Transformation für Life Sciences

 

Die Thematik und das Potenzial in der Life Sciences Branche wurde von einigen Unternehmungen bereits erkannt. Aber es sind noch zu wenige und es braucht einen breiteren und vor allen Dingen gemeinsamen Aufbruch, mindestens aber die Förderung von innovativen Start-ups. Denn es ist an der Zeit, mit den Vorreitern, wie beispielsweise Apple, Google, Amazon oder Microsoft, Schritt zu halten und die Möglichkeiten der Digitalen Transformation im Blick zu behalten. Das kann nicht Aufgabe nur weniger grosser Hersteller sein, sondern benötigt eine branchenweite Bewegung aus möglichst vielen kleinen, mittelständischen und grossen Unternehmen, um wieder an innovativere Branchen aufzuschliessen. Schon allein aus Eigennutz, um den Wettbewerbsvorsprung auszubauen.

■ Marco Rogg


 

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